Neugeborener Horror

Mit Amnesia: Rebirth kehrt Frictional Games zurück zu den Wurzeln des psychologischen Horrors und geht dabei gleichzeitig neue Wege. Als langjähriger Fan der Reihe war ich gespannt, ob dieser neue Teil das Erbe von The Dark Descent ehren kann. Und um es gleich vorwegzunehmen: Rebirth ist anders, aber auf eine fesselnde und absolut empfehlenswerte Weise.

Der Wahnsinn der Wüste

Der wohl stärkste Aspekt des Spiels ist seine Atmosphäre. Amnesia: Rebirth entführt uns in die algerische Wüste, eine Location, die auf den ersten Blick ungewöhnlich für ein Horrorspiel scheint, hier aber wunderbar funktioniert. Die Kombination aus sengender Hitze, vergessenen Höhlen, düsteren Ruinen und albtraumhaften Parallelwelten ist beeindruckend inszeniert und schafft ein konstantes Gefühl von Isolation und Bedrohung.

Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Tasi, einer sympathischen und glaubwürdig geschriebenen Protagonistin, die sich auf der Suche nach ihrem Verlobten und ihrem Gedächtnis durch ein zunehmend surrealeres Setting kämpfen muss.

Neue Wege, alte Stärken

Im Vergleich zu The Dark Descent fällt auf, dass Rebirth viel zugänglicher ist ohne dabei die Hardcore-Zutaten komplett zu streichen. Sehr gut umgesetzte und tatsächlich sinnvolle Jumpscares, Verfolgungsjagden, haarsträubende Schleichsequenzen und verstörende und angsteinflößende Ereignisse gibt es reichlich, aber die Gewichtung liegt deutlich stärker auf Storytelling, Atmosphäre und Rätseln.

Dabei spiel Licht wieder eine große bekannte Rolle, denn die Dunkelheit treibt Tasi langsam aber sicher in den Wahnsinn. Also muss man ständig nach Lichtquellen suchen und sich dann auch noch gut überlegen, ob man überhaupt eins der wenigen kostbaren Streichhölzer einsetzen sollte. Ein vertrautes, aber wirksames Prinzip. Die neuen Angstmechaniken, inklusive Visionen und Halluzinationen, sind ebenfalls ein cleverer Kniff, um ordentlich psychologische Spannung aufzubauen.

Die Rätsel sind allesamt kreativ umgesetzt, logisch und durchaus abwechslungsreich. Sie bremsen den Spielfluss nicht, sondern integrieren sich sinnvoll in die Umgebung und Story. Dadurch entsteht ein wirklich gelungener Gameplay-Loop, der einem zwischen Angst, Panik und Horror auch immer wieder ein gewisses Maß an Erholung bietet.

Stilsicherer in den Abgrund

Grafisch werden hier alle Stärken der Engine ausgespielt: Licht, Schatten, Farbgebung und Umgebungsdetails schaffen eine beeindruckende visuelle Atmosphäre, die unter die Haut geht. Besonders die surreale Architektur und Stimmung in den späteren Spielabschnitten wirkt wie aus einem Fiebertraum zwischen alten Meisterwerken aus dem Horror-Genre und einer ordentlichen Portion Eldritch oder auch Cosmic Horror.

Auch die Animationen sind durchweg gelungen, sowohl bei Tasi und den anderen als auch bei den monströsen Wesen, denen man auf der Reise begegnet. So kann man sich ganz auf das Spiel einlassen und in die dargebotenen Geschichten und Welten abtauchen. Die Immersion wird nie gebrochen, was gerade bei einem Spiel wie diesem unglaublich wichtig ist.

Frictional Games beweisen außerdem auch mit diesem Titel mal wieder, dass sie Audiodesign meisterhaft umsetzen können. Die Soundkulisse spielt hier eine enorme Rolle und alles trägt zur dichten Atmosphäre bei. Der stimmige Soundtrack hält sich dabei meist dezent im Hintergrund, setzt aber an genau den richtigen Stellen Akzente. Die englische Sprachausgabe, insbesondere Tasis Synchronsprecherin, überzeugt absolut und bietet viel Gefühl und Authentizität.

Ein würdiger Albtraum

Amnesia: Rebirth ist vielleicht nicht das, was Veteranen erwartet haben, aber genau das macht es auch stark. Es ist ein Spiel, das seine Wurzeln ehrt, aber mutig neue Pfade beschreitet. Wer offen für ein eher Story-getriebenes, atmosphärisch dichtes Horror-Erlebnis ist, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Persönlich finde ich Amnesia: Rebirth fantastisch! Es ist zudem für Neulinge ein hervorragender Einstieg in die Reihe und für Spieler, die noch nie ein Horrorspiel gezockt haben. Auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger für alle, die Horrorspiele nicht nur spielen, sondern erleben wollen.

  • 3.448 views

YetiFrood

YetiFrood

YetiFrood ist Twitch-Streamer und selbständiger Content Creator mit einem großen Herz für Indiegames. Mit einem offenen Blick für besondere Spiele teilt er auf dieser Website seine ehrliche Meinung zu all den charmanten Pixelpartys, atmosphärischen Storyabenteuern oder auch packenden Sci-Fi-Welten aus den unterschiedlichsten Genres. Immer mit viel Herz, Humor und einer großen Portion Leidenschaft für besondere, grandiose und oft sogar herausragende Spiele.